Freitag, 29. August 2014

Sprachlosigkeit



Montag – erster Arbeitstag. Normalerweise würde man jetzt gefragt werden wie der Urlaub war – oder vielleicht angesichts meines vergrippten Aussehens wie es mir geht. Aber ich bin ja in Frankreich. Auf Nachbohren bringt mich mein Kollege auf den neuesten Stand – der Termin für den ich unbedingt an diesem Montag aus dem Urlaub zurück sein sollte, der meine Urlaubsplanung so unflexibel gemacht hatte und für den ich mich am ersten Morgen mit Grippe hierhergehetzt habe, für den ich in Hektik noch schnell alles vorbereitet habe (inklusive frühmorgens Batterienkauf für unser Mikrofon im 20km entfernten Supermark) ist auf in zwei Wochen verschoben worden. Der Termin für den ich noch ganz viel auswerten muss, ist auf nächsten Woche vorverlegt. Email wäre schön gewesen. Na gut dass ich gefragt habe, dann kann ich mich diese Woche ja noch richtig reinhängen. 
Das war dann übrigens auch schon die ganze Konversation diese Tages.

Konversation am Dienstag – ich steige in mein Auto und sehe, dass im Nachbargarten ein Zwergkaninchen alleine und frei herumläuft bei weit zur Straße offenstehender Gartentüre. Vielleicht sollte ich jemandem Bescheid sagen, denke ich und steige aus dem Auto – gehe durchs offene Tor. Das Kaninchen ist ganz zutraulich. Ich erblicke eine Frau im Garten. „Bonjour“ rufe ich ihr zu. Keine Antwort. „Bonjour?“ – sie blickt mich an. „ich habe das Kaninchen gesehen, ich dachte es läuft ganz alleine hier herum – ist es normal dass es frei herumläuft wenn die Tür offensteht?" frage ich „Oui“ ist die kurze Antwort. „Ich dachte es ist vielleicht ausgebüchst – ich wollte nur Bescheid...“ Stille. Ich entschuldige mich und gehe. Kein „Au revoir“ von ihrer Seite - also entschuldige ich mich einfach noch einmal – wofür eigentlich?  Das war also meine Konversation am Dienstag.
  
Mittwoch – mein Kollege vom Institut ist da. Ich denke ich gehe mal nach Nebenan und sage Hallo. Schließlich haben wir uns gut 6Wochen nicht gehen. Ich frage ihn wie sein Urlaub in Südamerika war – "zu kurz" ist seine Antwort – wir wechseln noch genau drei Sätze über die Arbeit, dann platzen zwei andere Kollegen ins Büro. Einen von den beiden kenne ich nicht aber niemand hält es für notwendig mich vorzustellen. Ich fühle mich auf einmal sehr überflüssig und verzieh mich wieder. Das war dann also Konversation am Mittwoch. 

Donnerstag – Ich sitze am Schreibtisch, Füße auf dem Stuhl neben mir, Laptop auf dem Schoß – ich suche eine Bleibe nahe dem Institut, wo ich den Winter über hauptsächlich arbeiten werden, gerade habe ich dafür noch Markierungen auf der Straßenkarte an der Wand gemacht. Jemand, den ich noch nie gesehen habe, stürzt ohne Anklopfen in mein Büro und fängt an, die Straßenkarte von  der Wand zu pulen. Ich begrüße ihn freundlich und sehe ihn fragend an – SEHR FRAGEND –. „Ich wollte meine Karte holen“ murmelt er. „Und hier war auch noch ein Computer“. Mir geht auf, dass das wohl früher mal sein Büro gewesen sein muss. Ich erkläre ihm mit meiner aller herzlichsten Stimme, dass ich alles aufgehoben habe und nehme den Laptop von Anno dazumal aus dem Schrank. „Nee, brauch ich jetzt nicht“, murmelt er während er hektisch versucht die Karte zu rollen. Ich schlage Zusammenlegen vor und gemeinsam bekommen wir sie in ein handliches Format. Ob ich die neue Praktikantin sei fragt er beim Rausgehen. WOW ein Franzose der Smalltalk macht!!! Aber diesmal bin ich sprachlos - blicke an meine leere Wand, ein trauriges Häufchen Pinnadeln auf meinem Schreibtisch und die deutlichen Profilabdrücke von Schuhgröße 44 auf dem Stuhlpolster.

Manchmal frage ich mich ob die hier alle Autisten sind oder Aspergers haben oder so… Aber gleich ALLE???


2 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Darauf werde ich verweisen, wenn das nächste Mal einer behauptet, die Finnen seien stoffelig und unsozial...

(Herrjeh! Willst (musst) du es dort lange aushalten?)

anke hat gesagt…

Es stimmt, ich MUSS hier nicht leben - andereseits habe ich einen Postdoc, da hört man nicht einfach mittendrin auf.

Vielleicht tue ich der Gesamtheit der Franzosen unrecht - vielleicht ist das alles nur hier auf dem Land so.